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Unerwünschte Werbung: Das können Sie dagegen tun

Jeder bekommt sie, fast keiner will sie: Reklame. Ob im Briefkasten, via E-Mail oder per Callcenter-Anruf. Doch man kann etwas dagegen tun.

© imageBROKER | Alamy Stock Photo

Umweltschützer und genervte Verbraucher dürften bei dieser Meldung aufgeatmet haben: Nach Deutschlands größter Baumarktkette Obi will ab Sommer 2023 auch der Lebensmitteleinzelhändler Rewe auf gedruckte Werbeprospekte und Handzettel verzichten. Damit entsprechen sie dem Zeitgeist, zeigt eine Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH): Danach hält nicht mal ein Drittel der Befragten gedruckte Werbung noch für zeitgemäß. Und Schnäppchenfüchse finden alle Angebote längst auch digital, etwa in den Apps »Bring!« oder »kaufDA«.

Wer an eine generelle Trendwende glaubt, hat sich aber zu früh gefreut: So wollen etwa Aldi, Lidl und Edeka an den Prospekten festhalten. Und die Deutsche Post, Verteilerin der Postwurfsendung »Einkauf Aktuell«, teilte uns auf Anfrage mit: »Ein Zurückfahren der Produktion und Verteilung ist aktuell nicht geplant.« Sebastian Sielmann hatte genug davon: Er gründete den Verein Letzte Werbung e. V. und entwickelte mit ihm unter anderem die App »Appmelder«: Laden genervte Verbraucher hier ein Foto der ungewollten Werbepost hoch, beschweren sich Sielmann und sein Team aus Juristen im Namen des Empfängers bei dem Versender und mahnen bei besonders hartnäckigen Fällen auch ab oder ziehen vor Gericht. Da der Verein spendenfinanziert wird, ist dieser Service für die Nutzer kostenlos.

Es kann aber auch jeder selbst aktiv werden – ob es nun um ungewünschte Post, Anrufe oder Mails geht.

Adresslose Werbung

Die Flut von Werbeprospekten, Flyern und kostenlosen Wochenzeitungen sollte man recht einfach mit einem »Keine Werbung«-Sticker am Briefkasten eindämmen. Halten sich die Absenderfirmen nicht daran, empfiehlt es sich, die Unternehmen zunächst per E-Mail (mit Lesebestätigung), Fax oder Einschreiben aufzufordern, weitere Einwürfe zu unterlassen. Zeigt auch das keine Wirkung, könnten Sie die Firma mithilfe von »Appmelder« verklagen.

Adressierte Werbung

Sogenanntes Direktmarketing, also Werbebriefe mit persönlicher Adresse, irritiert besonders, wenn man niemals mit dem werbenden Unternehmen in Kontakt stand. Und wer weder eine Vertragsbeziehung mit einem Anbieter eingegangen ist noch der Verarbeitung seiner personenbezogenen Daten zu Werbezwecken zugestimmt hat, dürfte laut Gesetz auch gar keine Reklame bekommen.

»Woher haben die meine Adresse?« Laut Datenschutz-Grundverordnung ist das werbende Unternehmen verpflichtet, dem Empfänger Auskunft darüber zu geben, woher es die Kontaktdaten hat. Für diese Anfrage stellt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen auf ihrer Homepage ein Musterschreiben bereit.

Stellt sich heraus, dass die Firma ihre Daten unrechtmäßig gespeichert und verarbeitet hat, können Betroffene bei der örtlichen Datenschutzaufsichtsbehörde eine Beschwerde einreichen. Wer in Ihrem Bundesland zuständig ist, sehen Sie auf: datenschutzkonferenz-online.de/datenschutzaufsichtsbehoerden.html

Feuer frei? Auch wenn Sie einem Unternehmen irgendwann einmal erlaubt haben, Ihnen Werbung zu schicken, sind Sie dem Spam nicht hilflos ausgeliefert: Sie können der Datenverarbeitung zu Direktwerbezwecken jederzeit widersprechen. Auch dafür findet sich auf der Website der Verbraucherzentrale ein Muster-PDF.

Hält sich die Firma nicht an das Verbot, gibt es zwei Optionen. Erstens: Sie versehen den Brief mit dem Vermerk »Unfrei zurück an Absender! Unverlangte Sendung«, streichen Ihre Adresse durch und stecken den Brief ohne neue Briefmarke zurück in den Postkasten. In diesem Fall trägt der ursprüngliche Versender die Portogebühren und dürfte Sie zügig aus seiner Empfängerliste streichen.

Zweitens: Sie schicken ein Foto des Briefs an »Appmelder« und überlassen der App die weitere Auseinandersetzung mit dem penetranten Unternehmen.

Werbeanrufe

Telefonmarketing ist nicht nur lästig, sondern kann auch teuer enden – flugs haben psychologisch geschulte Mitarbeiter den »Kunden« unnötige Verträge, Produkte oder Abos aufgeschwatzt.

Rechtslage

Werbeanrufe sind ohne vorherige ausdrückliche Genehmigung des Angerufenen verboten. Und: Telefonisch geschlossene Verträge sind bis auf einige Ausnahmen zwar auch ohne nachträgliche Bestätigung gültig, können aber selbstverständlich 14 Tage lang widerrufen werden. Hierzu muss die Firma ein Widerrufsformular zur Verfügung stellen, das man am besten ausdruckt, unterschreibt und per Einschreiben an das Unternehmen schickt.

Unerlaubte Werbeanrufe sollte man der Bundesnetzagentur über die Mailadresse rufnummernmissbrauch@bnetza.de melden, dabei am besten auch Auskunft zu Uhrzeit und beworbenem Produkt geben. Die Bundesnetzagentur kann in der Folge Bußgelder verhängen und Rufnummern abschalten.

Mit fast 80000 schriftlichen Beschwerden wurde 2021 übrigens ein Höchststand erreicht – besorgniserregend ist aus Sicht der Bundesnetzagentur dabei, dass immer mehr dubiose Firmen mit unterdrückter oder falscher Rufnummer anrufen. Deswegen ist es ratsam, Anrufe mit unbekannter Nummer gar nicht erst anzunehmen. Inzwischen gibt es auch große Verzeichnisse mit bekannten Callcenter-Nummern, etwa auf tellows.de oder cleverdialer.de. Diese Seiten bieten eine kostenlose Rückwärtssuche für Telefonnummern an.

Eigener Schutz

Viele neuere Handymodelle erkennen Spam- und Betrugsanrufe inzwischen automatisch und zeigen auf dem Display die Warnung »potenzieller Spam« an, wenn man die entsprechende Funktion aktiviert. Anleitungen zu Ihrem Handymodell finden Sie am besten unter der Google-Suche »[Ihr Smartphone-Modell] Spamschutz«.

App

Alternativ gibt es Blockierungs-Apps wie beispielsweise »Yet Another Call Blocker APK« (für Android), die man auf chip.de herunterladen kann.

Spam via E-Mail

Wie bei allen Werbeformen gilt auch bei Spammails: besser gar nicht erst (versehentlich) abonnieren! Wer online einkauft oder ein neues Kundenkonto anlegt, der sollte vorgesetzte Häkchen zur Newsletter- oder Werbemailbestellung gleich löschen. Öffnet man eine Internetseite erstmalig und das »Cookie-Banner« poppt auf, sollte man sich die Mühe machen, alle nicht notwendigen Cookies manuell auszuschalten, statt jeder Form des Trackings und Datensammelns blind zuzustimmen.

Gehen dennoch ungewollte Newsletter ein, wird man die normalerweise einfach wieder los, indem man ganz unten im Fußtext auf die klein gedruckten Wörter »Abmelden« oder »Abbestellen« klickt. Ist diese Option nicht gegeben oder ignoriert der Absender die Kündigung von Rund- oder Werbemails, kann man die Spamnachrichten an die Adresse meldung@appmelder.de weiterleiten.

Manchmal scheint es weniger aufwendig, Reklamemüll einfach zu löschen oder ins Altpapier zu schmeißen, als ihn abzubestellen. Tatsächlich ist jeder Verbraucher inzwischen aber nur wenige Klicks von der Werbefreiheit – und Ressourcenverschwendung! – entfernt.

Vorbeugen Bevor die Werbeflut erst losgeht

Datenschutz

Wer Kaufverträge abschließt, sollte auf Klauseln zur Datenspeicherung und -nutzung zu Werbezwecken achten: Entfernen Sie entsprechend vorgesetzte Häkchen gleich bzw. streichen Sie die Absätze hierzu. Kündigen Sie einen Vertrag, sollte in dem Schreiben der Satz »Ich widerspreche der weiteren Nutzung meiner personenbezogenen Daten zu Werbezwecken« enthalten sein.

Unmissverständlich

Ein »Keine Werbung«-Schild am Briefkasten ist ein guter Anfang – wer genug Platz hat, kann aber noch ergänzen um: »Keine Handzettel, Wurfsendungen, kostenlosen Zeitungen oder Wochenblätter«.

Gewinnspiele

Wer häufig an Online-Verlosungen teilnimmt, sollte sich eine zweitrangige Mailadresse dafür einrichten. So landet der fast unweigerlich folgende Werbemüll nicht auf dem normalen Mailaccount, und man kann einmal im Monat ohne große Sortiererei sämtliche eingegangenen Mails löschen – bis auf etwaige echte Gewinnbenachrichtigungen natürlich.

Sparsam

Ihre Telefonnummer sollten Sie nur dort angeben, wo es unbedingt nötig ist. Registrieren Sie sich nicht in öffentlichen Verzeichnissen wie Telefonbüchern. Unterdrücken Sie Ihre Nummer, wenn Sie bei Unternehmen anrufen. 

Robinsonlisten

Tragen Sie sich in den Werbesperrregistern auf robinsonliste.de und ichhabediewahl.de ein. Diese werden vom Interessenverband Deutsches Internet e. V. bzw. dem Deutschen Dialogmarketing Verband e. V. geführt. Seriöse Unternehmen sortieren hier vermerkte Adressen gleich aus ihren Marketing-Kontaktverzeichnissen aus.

© PR
Sebastian Sielmann, Gründer des Vereins Letzte Werbung e.V.

Interview mit Sebastian Sielmann, Gründer des Vereins Letzte Werbung e.V.

Bisher haben laut Statistik knapp 30 Prozent der Deutschen einen »Keine Werbung«-Sticker am Briefkasten. Bedeutet das, über 70 Prozent wollen sie doch?

Unwahrscheinlich. Abfallexperten der Uni Gießen gehen davon aus, dass 85bis 90 Prozent der Werbung nicht gelesen wird. Und laut Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens YouGov könnten 76Prozent der Deutschen auf Reklameprospekte gut verzichten.

Ihr Verein kämpft seit Jahren für ein sogenanntes Opt-in-System. Was ist damit gemeint?

Aktuell darf in Deutschland nach dem Opt-out-Verfahren Werbung in alle Briefkästen geworfen werden, an denen kein »Werbung? Nein danke!«-Sticker klebt. Es sollte aber genau umgekehrt sein und Werbung nur dort ausgeteilt werden, wo sie wirklich erwünscht ist.

Im aktuellen Koalitionsvertrag ist die Einführung einer Opt-in-Regelung nicht vorgesehen.

Dabei brächte sie auch wirtschaftliche Vorteile: In Amsterdam, wo das Opt-in-System schon 2018 eingeführt wurde, konnten laut Stadtverwaltung 6000 Tonnen Papier pro Jahr und 650 bis 750 Müllabfuhrfahrten eingespart werden.